unser buch des monats

In dieser Rubrik möchten wir Bücher vorstellen, die entweder ganz „frisch“,

ein wenig ungewöhnlich oder ausgesprochene „Lieblingsstücke“ unserer Dozent:innen sind.

Giorgio Bassani
Die Gärten der Finzi- Contini

(Il Giardino dei Finzi-Contini)

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Empfehlung: Barbara von Wysocki

Übersetzt aus dem Italienischen von Herbert Schlüter

Giorgio Bassani, 1916 in Ferrara, Italien, geboren und mit Guiseppe Tomasi di Lampedusa – „Der Leopard“ – zu den großen Schriftstellern seiner Zeit gehörend, hat sein berühmtestes Werk, „Die Gärten der Finzi-Contini“, erst 1962 geschrieben. Er gehörte einer seit Generationen in Ferrara verankerten wohlhabenden jüdischen Familie an und lebte dort bis 1943. Durch die Rassengesetzgebung des italienischen Faschismus wurde er, zur Großbourgeoisie der Stadt gehörend, zum verachteten und verfolgten „Paria“. Er erlebte Haft, Leben im Untergrund, Deportation und Tod von Verwandten und die Vernichtung der jüdischen Gemeinde in Ferrara. In seinem Roman werden diese Geschehnisse motivartig aufgenommen: zuvor glänzendes gesellschaftliches Leben, dann soziale Ab- und Ausgrenzung, Liebe, die sich nicht erfüllen darf, weil gesellschaftliche Konvention und politische Verbrechen ihr entgegenstehen.

Ich habe dieses Buch, „Die Gärten der Finzi-Contini“, als unser „Buch des Monats“ ausgewählt, weil die Zartheit einer einseitigen Liebe und die Unaufhaltsamkeit ihrer Zerstörung tief berührend und in einer wunderbaren Sprache dargestellt werden.

1963, Verlag Piper München, heute: Wagenbach Verlag

Sylvain Tesson

Auf versunkenen Wegen   

(Sur les Chemins noirs,  Gallimard, Paris, 2016)

Empfehlung: Barbara von Wysocki

Übersetzt von Holger Fock und Sabine Müller

Eine Sommer-Reise-Lektüre?  Ja! und danach möchte man nicht mehr auf andere Art reisen!

Es ist eine Erkundungsfahrt  ganz besonderer Art, an der Sylvain Tesson uns teilnehmen lässt, eigentlich eine Pilgerfahrt aus einem ganz besonderen Anlass: als Buße, als Abbitte, aus glücklicher Dankbarkeit?

Sylvain Tesson, 1972 in Paris geboren, ist Schriftsteller, Philosoph und Reisender.  Auf den Spuren  Marco Polos reiste er durch Armenien, den Kaukasus, den Iran, Usbekistan. Auch durch Sibirien, Nepal, Tibet, durch den Himalaya, dort auf den Spuren des Schneeleoparden, Pakistan, Afghanistan- so war das Reisen eher die Droge für einen Unsteten, Nichtsesshaften, wissensdurstigen Forscher.

Nicht umsonst stellt Sylvain Tesson jedoch diesem Buch ein Zitat voraus, dass er den „Bekenntnissen eines englischen Opiumessers“ von Thomas de Quincey (1785 – 1859) entnimmt: 

„Ich will nach draußen gehen; alter Kummer soll heute vergessen sein, denn die Luft  ist kühl und ruhig,…  mit dem Tau kann ich das Fieber von meiner Stirn waschen,  und dann werde ich  nicht länger unglücklich sein.“

So kann man diesen uns hier vorliegenden Reise- und Pilgerbericht als Beginn eines neuen Lebenskapitels Sylvain Tessons betrachten. Bewirkt durch ein tragisches Ereignis, einen Unfall aus Übermut, der ihn fast das Leben gekostet hätte. In aller Drastik beschreibt Tesson die Folgen eines Sturzes vom Dach aus acht Metern Höhe. Auch nach einem monatelangen Aufenthalt im Krankenhaus ist sein Körper eine Ruine, in der sich nichts mehr bewegt. „Jetzt musste ich den Eid erfüllen, den ich in jammervollen Nächten geleistet hatte. Eingegipst im Bett, hatte ich mir nahezu laut geschworen: ‚Wenn ich jemals hier rauskomme, laufe ich zu Fuß durch Frankreich‘“.

Aber - typisch Tesson - nicht auf bequemen, ausprobierten Wanderwegen, sondern auf sogenannten „schwarzen Wegen“, auf Pfaden, die auf Landkarten nur noch durch schwarze Strichelchen  in Erscheinung treten oder bereits ganz  verschwunden sind. Es sind dies Fußpfade, die früher landwirtschaftlich genutzt wurden, von Hirten, Bauern, aber auch von Vagabunden und Flüchtenden. Tesson durchwandert Regionen, deren Existenz vielleicht sogar manchem Franzosen nicht bekannt ist, er durchstreift abgeschiedene Landstriche, die verwaltungstechnisch als „hyper-ländlich“ gekennzeichnet sind, d. h., die eine geringe Bevölkerungsdichte, eine fehlende Infrastruktur, den Mangel an großen Einkaufszentren (den „Hypermarchés“),  das Fehlen elektronischer  Datennetze und anderer Fortschritte der Moderne aufweisen – 250 solcher „hyper-ruralen Lebensräume“ gibt es zur Zeit in Frankreich. Sie bezeugen, dass Frankreich einstmals, bis vor nicht allzu langer Zeit, ein bäuerliches Land war und ein Land der Fußgänger und Wanderer.

 

Von Tende aus, im äußersten Südosten Frankreichs, im Mercantour-Nationalpark und an der Grenze zu Italien gelegen, beginnt Sylvain Tesson im August 2015 seine Wanderung,  um sie 4 Monate später im Cotentin am Ärmelkanal , „am Kartenrand und am Ende des Festlands“ zu beenden.

 

In 1000 zurückgelegten Kilometern Wegstrecke in einer Diagonale Süd/Ost-Nord/West  bleibt viel Zeit für philosophische Überlegungen und Betrachtungen, die uns, wenn wir den selbst errichteten Schutz unseres Pragmatismus verlassen, ans Herz gehen. Sein ständiger Begleiter, ein kleines Notizbuch, nimmt alle wichtigen Wahrnehmungen und Reflexionen auf, den Blick auf die Veränderungen der Landschaften,  Autobahnen, die sie durchschneiden, das Auftauchen von uniformierten Schlafstädten in immer gleichem Baustil oder gleich ganz verlassene Dörfer,  die Umleitung von Flüssen und Bewässerungssystemen,  die sich auf verändertes Pflanzenwachstum und neue Tierpopulationen auswirken. In seinem „Kurzen Bericht über die Unermesslichkeit der Welt“ entwirft Tesson das Bild eines „Zeitalters in  Bewegung“  (l’âge du flux), in dem Flugzeuge sich streifen, Lastwagen hin-und herziehen, Plastikteilchen in Ozeanen zirkulieren. „Die kleinste Zahnbürste macht eine Weltumrundung, tief in der Normandie macht man sich auf, um am Djihad teilzunehmen und von dort Videos auf YouTube zu versenden“.

 

Das Gegenbild ist der „Wanderer“ im Goetheschen Sinne, der nichts erwartet, der nicht gebunden ist an seine den Blick einschränkenden Vorstellungen, der sich hingibt, seinen Weg und die Natur mit offenen Sinnen in sich aufzunehmen und ihren Farben, Düften, Geräuschen und den Befindlichkeiten seines eigenen Körpers nachzugehen. So ist das nicht zweckgebundene Wandern auch eine Form des Widerstandes gegen die überbewegte globalisierte Welt. Wenn der letzte Tropfen Öl verbraucht sein wird, so hofft Tesson, dann würden sich die Autotüren öffnen, die Automobilisten würden aussteigen, einander erstaunt grüßen und ihren Weg zu Fuß weitergehen.

Natürlich ist Tesson Realist genug, um zu wissen, dass sich dieser fast paradiesische Zustand „wilder Landschaften“ nicht mehr rekonstruieren lässt, aber er ist auch Philosoph genug, um einen Ausweg für die verstädterte und sich im Strudel aufgezwungener Bewegung befindende Seele aufzuzeigen: „recours au forêt“ heißt das Zauberwort, den „Wald“  in Anspruch nehmen, als Metapher für die erneute Hinwendung zur Natur, zum Wieder-Auffinden verlassener, „versunkener“ Wege , fernab  touristisch organisierter Reiserouten.

In seiner wunderbaren Sprache zeigt uns Sylvain Tesson noch bestehende, dabei bescheidene Paradiese der Natur, die die Macht haben, unseren Kummer zu heilen und zu bewirken, dass wir „nicht länger unglücklich“ sind. Am Ende seiner langen Reise, und damit auch am Ende seines schönen, nachdenkens-werten Buches findet er die folgenden tröstlichen Worte:

 

„Eine einzige Sache stand fest, man konnte noch immer einfach los-marschieren und sich durch die Natur schlagen. Es gab noch Täler, in die sich der Tag stürzte, ohne dass einem jemand sagen konnte, in welche Richtung man gehen musste, und man konnte diese Stunden, in denen einem der Wind um die Ohren blies, mit Nächten in großartigen, verborgenen Winkeln krönen.

Man musste sie suchen, es gab Zwischenräume. Es gab noch die versunkenen Pfade. Worüber sich beklagen?“

So könnte man sich getrost auf die Suche nach diesen „Zwischenräumen“ begeben!

Albrecht Knaus Verlag, 2017

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