Interview mit Edward van de Vendel auf der Frankfurter Buchmesse 2016


Interview mit Edward van de Vendel
zu
Lena und das Geheimnis der blauen Hirsche

von Theresa Feldhaus

Autor: Edward van de Vendel
Illustrator: Mattias De Leeuw
Verlag: Gerstenberg
ISBN: 978-3836957670, 2014, 14,95 Euro, 160 Seiten

Der Ehrengast auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse waren die Niederlande und Flandern, die sich unter dem Motto „This is what we share“ auf der Messe präsentierten.

Auch der niederländische Autor Edward van de Vendel kam für einen Besuch der Messe nach Deutschland und teilte – gemäß dem Motto – nicht nur seine Bücher mit dem Publikum im Allgemeinen, sondern auch Antworten auf Interviewfragen, die ich für das Gespräch mit ihm vorbereitet habe.
Was er unter dem Motto versteht, erklärt er mir gleich zu Beginn: Ich glaube, dass die niederländische Kinderliteratur sehr vielfältig ist, sowohl sehr fröhlich als auch sehr ernst. Das erlaubt Autoren und Illustratoren viel Freiheit.

Den deutschen Kinderbuchmarkt kennt er natürlich nicht so gut wie den niederländischen, aber er sieht viele Gemeinsamkeiten und liest gerne Bücher von Autorinnen und Autoren wie Andreas Steinhöfel, Jutta Richter, Nadia Budde, Martin Baltscheit und Klaus Kordon.
Sein diesjähriger Besuch lohnte sich gleich in mehrfacher Hinsicht: Bereits im letzten Jahr war er mit Lena und das Geheimnis der blauen Hirsche (erschienen bei Gerstenberg) für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Zum 60. Geburtstag des Preises 2016 gewann Edward van de Vendel den Preis in der Kategorie Bilderbuch mit seinem Buch Der Hund, den Nino nie hatte (erschienen bei Bohem Press) und nahm ihn gemeinsam mit dem Illustrator Anton van Hertbruggen und seinem langjährigen Übersetzer Rolf Erdorf in Empfang. Auf den Gewinn dieses Preises ist er sehr stolz: Der Deutsche Jugendliteraturpreis ist ein fantastischer Preis. Er wird so ernst genommen und hat einen Charme wie die Oscar Verleihung für Filme. Ich bin sehr dankbar und erfreut, dass ich zwei Mal nominiert wurde und dieses Jahr sogar gewonnen habe. Es ist eine große Chance für meine Bücher.

Schon seit über zwanzig Jahren ist der ausgebildete Lehrer Schriftsteller und hat ein beeindruckendes Werk von mehr als 50 Büchern geschaffen, die in 16 Sprachen übersetzt wurden. Die Spannweite reicht von Bilder- und Kinderbüchern über Jugendbücher bis hin zu Lyrik und Songs. Auch in Deutschland wurden bislang 15 Bücher veröffentlicht, die allesamt von Rolf Erdorf übersetzt wurden.
Besonders gerne schreibt er für Kinder:
Ich denke nicht, dass meine Erfahrungen als Lehrer viel damit zu tun haben, eher die Tatsache, dass ich immer etwas für Kinder machen wollte. Kinder repräsentieren Freude, Optimismus, Freiheit und Enthusiasmus. Ich finde es sehr beruhigend, von diesen Eigenschaften umgeben zu sein. Es gibt mir auch die Möglichkeit mit Illustratoren zusammenzuarbeiten. Ich mag es wirklich sehr, für ein Buch mitverantwortlich zu sein, mehr als ganz alleine die Verantwortung dafür zu haben.

Für den niederländischen Schriftsteller gehören zum Erzählen einer Geschichte immer zwei: der Autor und der Illustrator. Dies wird in seinen Geschichten deutlich, wie ich noch zeigen möchte.

Ich durfte Edward van de Vendel nicht nur zu seiner Arbeit als Schriftsteller im Allgemeinen befragen, sondern auch im Speziellen zu seinem Buch Lena und das Geheimnis der blauen Hirsche.
Bevor ich seine Antworten auf meine Fragen verrate, will ich das Buch für alle vorstellen, die es noch nicht kennen:

Eigentlich ist es ein Nachmittag wie jeder andere für Lena, an dem sie mit ihrer Mutter am Küchentisch sitzt. Doch als das Telefon klingelt und ihre Mutter aus dem Zimmer geht, tauchen plötzlich dreizehn blaue Minihirsche aus der Blumenvase auf. Einer nach dem anderen. Sie beginnen, auf Lena herumzuklettern und es ist das Schönste, was sie je gesehen hat. Die Tiere knien vor ihr nieder und nennen sie Meisterin. Lena kann allein durch ihre Worte die nächsten Bewegungen der Tiere bestimmen. Doch so schnell wie so gekommen sind, verschwinden sie auch wieder, aber allein die Erinnerung an die Begegnung erfüllt Lena mit Glück – bis ihr streitsüchtiger und böser Bruder Raff nach Hause kommt. Auch er hatte vor langer Zeit eine magische Begegnung mit einem Tier und noch immer hofft er, dass sein Tier wiederkehren wird. Raff verbietet Lena über ihr Erlebnis zu sprechen, denn nachdem er ihrem Vater von seiner Begegnung erzählt hat, besuchte ihn sein Tier nie wieder. Lena hofft dennoch auf die Wiederkehr ihrer blauen Hirsche und ist von Hoffnung erfüllt.
Als ihre Mutter mit einer überraschenden Neuigkeit nach Hause kommt, kann sich Raff nicht beherrschen: Er rastet aus und plötzlich kehrt auch sein geheimes Tier zurück. Es kommt zu einem gefährlichen Kampf zwischen seinem wilden Tier und Lenas friedlichen Hirschen, die auch über die zukünftige Beziehung der Geschwister entscheidet.

In poetischer Weise erzählt Edward van de Vendel diese wunderschöne fantasievolle Familiengeschichte. Die Sprache ist dynamisch und rhythmisch, passt sich dem Tempo des Textes an. Mal ist die Sprache ruhig und zurückhaltend, wenn Lena mit ihren Hirschen spielt und an ihr Geheimnis denkt, mal nimmt die Sprache an Tempo und Härte zu, wenn Raff einen Wutausbruch hat und sich nicht beherrschen kann. Auffällig sind die besondere harmonische Dynamik und das Zusammenspiel von Text und Bild. Die farbigen Tuschezeichnungen von Mattias De Leeuw füllen mal eine ganze Doppelseite aus und an anderer Stelle nur einen Teil der Seite. Dabei erzählen die Bilder in Einheit mit dem Text auch ihre eigene Geschichte. Gerade die dreizehn Hirsche scheinen jederzeit aus dem Bild herausspringen zu wollen. Durch die Zeichnungen gewinnt die Kampfszene am Ende zusätzliche Stärke und Geschwindigkeit. Ein gelungenes Gesamtkunstwerk von Autor und Illustrator!

Zu der Zusammenarbeit mit Mattias De Leeuw, der Idee des Buches und die Wichtigkeit von Fantasie habe ich Edvard van de Vendel noch näher befragt:
Können Sie mir mehr über den Entstehungsprozess des Buches verraten? Wie viele Absprachen gab es zwischen Ihnen und Mattias De Leeuw während des Schreibens und Zeichnens?

Edward van de Vendel: Wir haben eng zusammengearbeitet. Ein paar Mal haben wir auch gesprochen, aber die Geschichte war speziell für Mattias geschrieben. Ich liebe seine blauen Linien und schnellen Zeichnungen. Also musste in der Geschichte etwas Blaues vorkommen, und viel Bewegung und Geschwindigkeit.

Sie schreiben Ihren Text in einer sehr poetischen Weise, verwenden eine rhythmische, melodische Sprache, aber auch sehr kurz und prägnant. Kann und sollte man Kindern schon früh „zutrauen“, literarisch anspruchsvolle und poetische Texte zu lesen?

Edward van de Vendel: Ja, solange es eine „Geschichte“, einen Plot gibt. Weil in diesem Buch viele Dinge geschehen, hat die Poesie einen ganz eigenen Platz. Ich möchte, dass Kinder die Geschichte genießen, aber auch die Musik der Sprache.

In Ihrem Buch geht es viel um die Kraft der Fantasie und Vorstellungskraft. Warum ist diese (gerade für Kinder) so wichtig?

Edward van de Vendel: Weil sie uns eine zweite, dritte, vierte Welt liefert. Es gibt uns so viel mehr Möglichkeiten, z.B. darum Fehler zu vermeiden, schwierige Situationen zu üben, Dinge nochmal zu tun, die wir im echten Leben falsch gemacht haben, zu lernen, …

Wenn bei Ihnen geheime Tiere auftauchen würden wie bei Lena und Raff, welche wären es wohl und warum?

Edward van de Vendel: Oh! Das ist eine schwierige Frage! Ich denke es wäre irgendeine Art von einem tollkühnen und tapferen Tier – das mir in schweren Zeiten den Weg zeigen kann. Vielleicht wäre es ein Kamel (bekannt für seine Ausdauer) oder ein Pferd (das treu und mutig ist)?

Welchen Rat können Sie Mädchen und Jungen geben, die ein so impulsives Geschwisterkind wie Raff haben?

Edward van de Vendel: Ich hoffe wirklich, dass sie Eltern haben wie Raff und Lena: Fürsorgliche Eltern, die das Verhalten ihres Sohnes zu erklären versuchen und auch noch genügend Zeit mit ihrer Tochter verbringen. Die Lösung liegt wahrscheinlich im direkten Kontakt mit dem schwierigen Bruder, ihm auszuweichen hilft wahrscheinlich nicht viel…(Aber ich denke auch, dass es schwer ist einen Bruder wie Raff zu haben!).

Haben Sie während des Schreibens mit Kinderpsychologen oder Kindern selbst über das Thema des Buches gesprochen? Oder haben Sie auf andere Weise recherchiert?

Edward van de Vendel: Nein, das habe ich nicht. Ich bin mir nicht ganz sicher, wo meine Ideen herkamen, da die Geschichte auch nicht autobiographisch ist. So ist die Geschichte einfach gewachsen und ich habe sie innerhalb von drei Wochen geschrieben, wie im Fluss.

Im November 2016 wurde Ihr Buch als Kinderoper in der Deutschen Oper Berlin aufgeführt. Waren Sie an der Produktion beteiligt?

Edward van de Vendel: Ich war da und war ganz begeistert! An der Produktion selbst war ich nicht beteiligt, aber ich habe das Drehbuch gelesen (und geliebt). Annechien Koerselman, die das Stück geschrieben und Regie geführt hat, hat meiner Meinung nach eine tolle Arbeit geleistet. Zum Glück waren auch die ersten Rezensionen ziemlich gut!

Vielen Dank für die Antworten zu meinen Fragen!

Übrigens: Allen, die von dem stimmigen Gesamtkonzept von Bild und Text genauso überzeugt sind wie ich, empfehle ich das Buch Prinz Hajo der Glückliche, das im Februar 2017 bei Gerstenberg für Kinder ab 6 Jahren erscheint. Wieder erschaffen Edward van de Vendel und Mattias De Leeuw gemeinsam eine wunderschöne Kindergeschichte mit bunten Bildkompositionen über den einsamen Prinzen Hajo, der in dieser fröhlichen Zahlengeschichte sein größtes Geburtstagsgeschenk erhält.