Zwei oder drei Dinge, die ich dir nicht erzählt habe

Autor: Joyce Carol Oates
Verlag: Hanser

Von: Karen Ollrogge

Joyce Carol Oates, eine der bedeutendsten amerikanischen Gegenwartsliteraten, versucht sich mit 76 Jahren noch einmal in ihrem neuen Jugendbuch in das Alltagsleben dreier Teenager hineinzuversetzen? Gewagt oder genial?

Es ist das letzte Jahr für Merissa – „das perfekte Mädchen“– und Nadia – „die Schlampe“ – auf der Quaker Heights Day School. Sie beide verbindet nicht sehr viel, nur Tin, ihre gemeinsame Freundin. Doch diese  Freundin ist nicht mehr... Gestorben am 11. Juni 2011. Selbstmord? Sie lässt ihre Freundinnen mit vielen Fragen, Selbstzweifeln und Problemen zurück, denen sie nicht gewachsen zu sein scheinen.
Merissa, bei näherer Betrachtung gar nicht mal so perfekt, probiert die Aufmerksamkeit ihres Vaters zu gewinnen und dem Druck, der auf ihr lastet  auszuweichen, indem sie beginnt sich zu ritzen. Doch Tink steht ihr in der schweren Zeit bei. Unsichtbar, aber für Merissa in ihrem Innern doch sichtbar.
Auch die anderen Freundinnen spüren Tink immer wieder, wie auch Nadia. Das etwas naive Mädchen ist in ihren Lehrer Mr. Kessler verliebt. Er hört ihr als einziger nach ihrer Meinung wirklich zu. Und so macht sie ihm ein Geschenk – mit verhängnisvollen Folgen.
Die gebeutelte Nadia muss nun auch die fiesen Mobbingattacken ihrer Mitschüler ertragen, die sie als Schlampe bezeichnen, wegen eines Abends, den sie nicht mehr zurückdrehen kann.
Dass auch Tink Probleme hatte, steht außer Frage. Doch welche waren es genau? Was hat sie dazu getrieben, sich selbst umzubringen? Oder war sie vielleicht schwer krank? Wer war dieses Mädchen wirklich? Um welchen Gefallen hatte sie Merissa bitten wollen? Aber vor allem: Warum hat sie sich umgebracht?

Wie unschwer herauszulesen, bedient sich Oates der vollen Klischeekiste. Das perfekte Mädchen, das ganz tiefe Probleme hat; ein Mobbingopfer, das eigentlich nichts getan hat und nur geliebt werden will und ein Jungfernsehstar, der so selbstbewusst wirkt, aber in Wahrheit kaputt ist. Und am Ende ist die „Perfekte“ mit der „Uncoolen“ super gut befreundet, weil der tote „Star“ sie zusammengeführt hat. Wirkt platt, ist es hier aber nicht.
Die Charaktere werden mit so viel Liebe und Hingabe gezeichnet, dass selbst die Klischees etwas unglaublich individuelles, einzigartiges haben. Es ist wahr, dass die ersten Seiten etwas schwierig sind – Ein blondes, dünnes, reiches Mädchen hat trotz nach außen scheinender Perfektion Probleme – Ach wirklich?! – doch wenn man sich darauf einlässt und in die kleine erschaffene Welt der Reichen abtaucht, dann wird man belohnt mit dem Verstehen von anderen Blickwinkeln und manchen Handlungen wie dem Ritzen.

Die Autorin hat eine Vorliebe für verrückte Charaktere, für die „Außenseiter“, die bei ihr immer wie die Helden wirken. Auch ihr Schreibstil ist außergewöhnlich. Ganz viele eingeklammerte Einschübe, Erinnerungsfetzen, das Auftreten von Tink, obwohl sie tot ist. Außergewöhnlich und sehr angenehm zu lesen, wenn man sich daran gewöhnt hat. Dass die Wortwahl der Jugendlichen manchmal etwas gewollt wirkt, stört nicht sehr, doch sich in den Umstand hineinzuversetzen, dass ein Mädchen, das eigentlich nichts getan hat, auf das übelste beschimpft wird, sie gemobbt wird, dass sie ein drei-Millionen- Dollar-Bild an ihren Lehrer verschenkt (den sie unglaublich liebt) und dass sie mit 54 Kilo bei 1,62m als dick gilt – das ist doch alles schwer vorzustellen. Und auch die Welt des Simsen, der Verbreitung von Gerüchten, des Cybermobbings, erscheint doch recht überzeichnet. Manchmal wirkt es etwas so, als hätte sich ein Erwachsener probiert mit den Problemen von Jugendlichen auseinanderzusetzen, als hätte er vieles verstanden, anderes aber einfach nur hineingebracht, weil er denkt, dass das zu dieser Generation von Jugendlichen gehört.

Zwei oder drei Dinge, die ich dir nicht erzählt habe ist ein sehr interessant geschriebener Jugendroman, der einem den Ausschnitt aus dem Leben dreier ganz verschiedener „Außenseiter“ zeigt. Er wechselt sich zwischen unglaublich intensiv und manchmal etwas unglaubwürdig ab, ist aber trotzdem ein Roman, den man gerne und schnell durchliest oder vielleicht auch gerade deswegen.

ISBN 978-3446246324, 2014, 15,90 Euro, 272 Seiten.