Kurzes Buch über Tobias

Autor: Jakob Nolte
Verlag: Suhrkamp

Von: Antonia (Team LiteraturInitiative)

„Du willst ein Buch schreiben, das schon beim Erscheinungstermin alt ist, ein Klassiker, aber das geht nicht. Man muss neue Bücher schreiben, Tobias, nicht alte.“ – Endlich ist der dritte Roman Noltes erschienen! Er schafft genau das, was seinem Protagonisten vorgeworfen wird. Er schreibt ein neues Buch, ein modernes Meisterwerk. Bekannt ist Nolte auch für seine zahlreichen Theaterstücke. Zusammen mit dem Schriftsteller Leif Randt betreibt er die Online-Plattform tegelmedia.fanpage

Wie der Titel uns schon verrät, geht es in dem Buch um Tobias und die Entwicklung seines Leids und Lebens. Die verschiedenen Stationen seiner Biografie bilden den Rahmen der Geschichte. Erzählt wird von einem frustrierten Schriftsteller, der zum Glauben findet, Priester wird, mit einer Hass-Predigt viral geht und schließlich als obdachloser Büßer endet. Tobias ist ratlos und auf der ständigen Suche nach dem Sinn des Lebens. Im Laufe der Geschichte entdeckt er seine Homosexualität. Sein neuer Freund heißt ebenfalls Tobias. Das hat zur Folge, dass nicht immer klar ist, um welchen Tobias es sich gerade handelt.

In diesem vielschichtigen Roman wird die Realität auf den Kopf gestellt, denn Tobias vollbringt Wunder. Er überlebt einen Flugzeugabsturz, kann Menschen verwandeln, stirbt und schafft es, die Grenze zwischen Leben und Tod zu überschreiten– ja, ob man es glauben mag oder nicht, er erwacht von den Toten.
Zunächst scheint der Alltag in diesem Roman normal und dann ganz plötzlich und ohne Vorwarnung wird aus einem Menschen ein Hase oder eine Wunde heilt vom Handauflegen einer alten Frau.

Nolte tobt sich auf verschiedenen Ebenen aus. Briefe, Tagebucheinträge, Gedanken, Beschreibungen, Dialoge, Aufzählungen von offenen Internettabs – alles lässt sich finden. Allerhand Themen, Anspielungen und Diskurse werden behandelt.
Die Geschichte ist nicht chronologisch geordnet und durchdrungen von vielen Aufzählungen. Detailliert, ja geradezu bildhaft werden verschiedene Szenen beschrieben, sodass man das Gefühl haben könnte, anwesend zu sein.

Ähnlich wie Leif Randt benennt Nolte nüchtern Alltägliches aus der Berliner Monotonie, dass man gut kennt und normalerweise nicht beachtet. Die Normalität mancher Situationen wird dadurch satirisch dargestellt, was auch durch das Surreale unterstrichen wird.

Ich muss zugeben, dass ich an manchen Stellen den Faden verloren habe, aber nur um beim nächsten Kapitel wieder vollkommen in das absurde Leben von Tobias einzutauchen und Noltes Einfallsreichtum zu bewundern. Die Mischung von Normalität und Absurdität hat mich öfter zum Schmunzeln gebracht und macht den Roman zu einem einmaligen Leseerlebnis. Ich denke nicht jede_r kann etwas mit diesem Roman anfangen, aber ich finde ihn grandios!

ISBN: 978-3-518-42979-2, 2021, 22 Euro, 231 Seiten.