Body Politics

Autor: Melodie Michelberger
Verlag: Rowohlt Polaris

Von: Antonia (Team LiteraturInitiative)

„Ich würde mir eine dicke Disney-Prinzessin wünschen“, – sagt die Körperaktivistin und Influencerin Melodie Michelberger. Sie hat viele Jahre als Redakteurin für Gala und Brigitte und als PR-Expertin für verschiedene Modelabels gearbeitet.

Mit Wut schreibt Melodie ihr erstes wichtiges Buch. Mit Wut auf die Diätindustrie und Schönheitsindustrie, die den angeblich mangelhaften Körper von Frauen verbessern wollen - ja, tatsächlich nur, um Geld zu verdienen.
Warum werden wir immer noch hauptsächlich über das Äußere beurteilt, obwohl die dauerhafte Beurteilung unserer Körper zu einer ständigen selbstzerstörerischen Optimierungswut führt? Viele kennen die Frustration, die Verzweiflung und die Scham, die Menschen empfinden, wenn der Körper von der Gesellschaft als nicht richtig empfunden wird. Melodies Geschichte steht stellvertretend für die vieler Frauen und den Auswirkungen einer kapitalistisch motivierten Struktur.

Sie erzählt in ihrem Roman Body Politics von ihrem jahrelangen Kampf gegen ihren Körper. Sie beschreibt ihre eigene Geschichte von Körperzweifeln, die im Kindesalter begannen. Ausgelöst wurden diese Zweifel durch einen nebensächlichen Kommentar ihrer Mutter. Melodie vernarrte sich in einen Rock, doch ihre Mutter stellte resigniert fest:
„Melanie, der trägt doch total auf. Volants kannst du nicht tragen, dein Hintern ist dafür zu dick.“ Dieses scheinbar kleine Ereignis verleitete sie dazu, sich intensiv mit ihrer Ernährung auseinanderzusetzen. Sie kaufte Ernährungszeitschriften, probierte jede Diät aus und trieb übermäßig viel Sport. So bildete sie eine verzerrte Wahrnehmung ihres Körpers.
Wenn sie heute alte Fotos betrachtet, wundert sie sich, denn sie war damals gar nicht so dick, wie sich in Erinnerung hat. Sie sah ihren Körper lange Zeit als Feind und nicht als Freund und auch heute hat sie manchmal Tage, an denen sie sich in ihrem Körper unwohl fühlt…

Sie schreibt bis hin zu dem Punkt, an dem sie anfing, gegen das gesellschaftlich akzeptierte Schönheitsideal zu rebellieren. Mit den angehängten Interviews der Aktivist_innen gibt sie Aktivist_innen eine Stimme, die sowohl für ihr Dicksein als auch ihr Schwarzsein, manche auch für ihre Geschlechtsidentität, eine mehrdimensionale Diskriminierung erfahren. Hierbei kritisiert sie die Aneignung des Begriffs Body Positivity durch weiße, als schlank gelesene Personen.

Beeindruckt hat mich das Kapitel, indem Melodie einen anderen Umgang mit Sprache fordert. Sie plädiert zum Beispiel dazu, eher „mehrgewichtig“ als „übergewichtig“ zu sagen. Und sie möchte die Adjektive wie „dick“ und „fett“ wieder ohne Abwertung sagen dürfen.
Ich bin immer wieder fasziniert davon, wie stark Sprache unser Denken prägt. Zu diesem Thema möchte ich euch auch das Buch Sprache und Sein von Kübra Gümüsay wärmstens empfehlen.

Wer sich also in seinem eigenen Körper unwohl fühlt und mit dem eigenen Körper hadert, wird sich mit diesem Buch abgeholt fühlen, denn Melodie beschreibt, dass es eine Welt gibt, in der man nicht gegen den eigenen Körper kämpfen muss.

ISBN: 978-3-499-00331-8, 2021, 18 Euro, 224 Seiten.