Vor dem Fall

Autor: Noah Hawley
Verlag: Goldmann

Von: Henriette Magerstädt

Der euphorisch besprochene und mit viel Aufwand beworbene neue Roman/Thriller von Noah Hawley, dem Creator der exzellenten Fernsehserie Fargo, beginnt mit dem Absturz eines Privatjets und entwirft anschließend in episodischer Form das Leben der sieben Passagiere, unter ihnen zwei der reichsten Männer New Yorks.

Aus all diesen Stimmen, darunter ein israelischer Sicherheitschef, ein Mediamogul und seine Familie, ein nicht ganz nüchterner Copilot mit prominenten Verwandten und ein millionenschwerer Banker dem der Prozess wegen Geldwäsche droht, soll der Grund für die Katastrophe herausgefiltert werden. Durch die illustre Passagierliste bieten sich unterschiedliche Motive an, die polizeilichen Ermittlungen sind dringlich und auch der polemische Medienkonzern ALC (modelliert noch Fox News) mischt sich ein. Neben de Rückblenden folgt der Roman daher auch den einzigen Überlebenden des Unglücks: ein mittelloser Maler, der eher zufällig an Bord war und der vierjährige Sohn des Medienmoguls, nun ein millionenschwerer Erbe.

Erweitert wird der Stimmenkanon zusätzlich durch den Ermittler, die Tante des Jungen, ihren Mann, einen Nachrichtensprecher, eine weitere Erbin. Wer sich an dieser Stelle von der Anzahl an Figuren überordert sieht, hat bereits eine der Schwächen des Romans identifiziert.

Vermutlich hat das Wissen um Hawleys sonstige qualitative Projekte die Kritiker positiv beeinflusst, denn die viel gepriesene Gesellschafts- und Medienkritik bleibt an der Oberfläche und in Klischees verhaftet. Überlegungen wie „Since when does how a thing looks, matter more than what it is?“ hatten vermutlich schon vor zwanzig Jahren jeglichen Biss verloren.

Auch die oft zitierten satirischen Elemente des Romans, ein Kennzeichen von Fargo, scheinen sich hier vor allem in überzeichneten Charakteren zu äußern und die Grenze zu schlechter Charakterisierung ist wirklich sehr schmal. Die Männer des Romans, die leider auch die einzigen Handelnden sind, scheinen ihre Dialoge direkt aus zweitklassigen Copserien übernommen zu haben. Triefend von Machismen und Anzüglichkeiten, finden alle wichtigen Meetings selbstverständlich an den Pissoirs statt und Angstgefühle äußern sich ausschließlich über verkrampfte Därme. Im Gegensatz dazu stehen die weichen, aussschließlich attraktiven weiblichen Figuren die entweder nicht arbeiten, Stewardess sind oder etwas mit Kindern machen. Aus dieser steinzeitlichen Konstellation ergibt sich dann auch die Erklärung des Absturz‘, was zu diesem Zeitpunkt keinen Leser mehr überraschen dürfte.

Als Identifikationspunkt fungiert der malende Held und reformierte Alkoholiker Scott Burroughs, der den kleinen Sohn JJ rettet, natürlich nicht von dem Absturz profitieren möchte und am Ende den bösartigen Mediamogul zu Fall bringt. Der Roman bleibt kurzweilig durch das Orchester an exzentrischen Stimmen, aber viel mehr sollte man nicht erwarten. Selbst der Aufhänger, die Erklärung für den Absturz, verliert im Laufe des Romans unweigerlich an Dringlichkeit und jegliches Mitgefühl für die ultrareichen, misogynen Reißbrettcharaktere verflüchtigt sich unwiderruflich.

Das Buch ist im Juni im Original als "Before the Fall" bei Hodder & Stoughton erschienen. Goldmann bringt es im September in deutscher Übersetzung heraus.