The Sympathizer

Autor: Viet Thanh Nguyen
Verlag: Grove Press

Von: Henriette Magerstädt

Der diesjährige Gewinner des Pulitzer Preises in der Kategorie Fiktion erzählt vom Ende und den Auswirkungen des Vietnamkriegs und nutzt dafür eine bislang unbeachtete Perspektive. Der namenlose Erzähler und titelgebende Sympathisant befindet sich in einer prekären Position als Assistent eines südvietnamesischen Generals, der in Wahrheit jedoch als Spion für den Vietcong arbeitet. Alles von zwei Seiten zu beurteilen, so warnt der Erzähler bereits im ersten Absatz, sei sein Talent und sein Fluch. Als Sohn einer Vietnamesin und eines französischen Priesters nimmt er seit der Geburt eine gespaltene Position ein und wird folgerichtig, nach einem Studienaufenthalt in den USA, zum Spion der Vietcong. Sein dualistischer Blickpunkt provoziert den satirischen Stil der Erzählung, von seiner Außenseiterposition aus erschließt sich die schwarze Komik des Romans.

Die Handlung beginnt atemlos und aufreibend mit der Flucht aus Saigon vor den anrückenden nordkoreanischen Truppen. Das vornehmliche Ende des Krieges steht hier am Anfang, und wirft den Leser mit Rauch in der Nase und dem Rattern von Rotorblättern in den Ohren mitten ins Geschehen. Nach der Flucht in die USA beruhigt sich die Erzählung und das parodistische Potenzial tritt hervor. Der weiterhin als Spion aktive Erzähler, findet sich in haarsträubenden Situationen wieder, soll eine südvietnamesische Revolte aus dem Ausland starten und muss dabei immer wieder seine Allianzen neu überdenken. Den Höhepunkt bilden die Dreharbeiten zu einem amerikanischen Kriegsfilm, ein zynischer Verweis auf Apocalypse Now bei denen der Erzähler als kultureller Berater fungiert, am Ende jedoch, möglicherweise intentionell, auf dem Friedhofsset fast in die Luft gesprengt wird. Wenn der Erzähler Jahre später endlich nach Vietnam zurückkehrt, ist die ersehnte Heimat endgültig zur Illusion geworden und seine Integrität bloße Behauptung.

The Sympathizer ist ein überaus intelligentes Buch mit einem gnadenlos reflektierenden Erzähler der als ewiger Außenstehender die Absurdität des Vietnamkriegs deutlich macht. Auch wenn Nguyen hier einige Längen zulässt und die Sprache sich manchmal in ihrer eigenen Raffiniertheit verirrt, so ist doch der Roman in seiner Gesamtheit außergewöhnlich: bitterböse, urkomisch und bewegend, mit unvermittelt ausbrechenden, tragischen Passagen in denen die menschliche und politische Grausamkeit des Krieges deutlich wird. Verborgen im Zentrum des Romans, ähnlich wie bei Catch-22, dem Nguyen hier deutlich Hommage zollt, ist eine traumatische Kriegserfahrung, die die moralische Sicherheit des Erzählers zerstört hat.

Durch seine Thematisierung einer unfreiwilligen Migration und Assimilation gewinnt der Roman auch gerade in Europa unvermittelte Aktualität. Beginnend und endend mit einer Flucht, zieht er einer Verbindung zu allen anderen Kriegen und ihren unzähligen, heimatlosen Opfern. Nguyen hat mit seinem erstaunlichen und wunderbar politischen Debütroman verdient den Pulitzer Preis bekommen, an seine künftigen Werke werden hohe Maßstäbe angelegt.

Noch sind die deutschen Rechte frei, es bleibt aber zu hoffen, dass nach der Pulitzer Auszeichnung ein deutscher Verlag bald die Lizenz erwirbt.