Neapolitanische Saga

Autor: Elena Ferrante
Verlag: Suhrkamp Verlag

Von: Henriette Magerstädt

Die Tetralogie einer anonym bleibenden italienischen Schriftstellerin, veröffentlicht unter dem Pseudonym Elena Ferrante; ist in seiner Dichte und Ambition ein literarisches Projekt ohne Beispiel. In vier langen Romanen, veröffentlicht zwischen 2011 und 2014, erzählt Ferrante die Lebensgeschichte zweier Freundinnen, Lenu und Lila, die in den 50er Jahren in einem ärmlichen Viertel Neapels aufwachsen. Obwohl die Romane auch alleine gelesen werden können, kann das Werk nur in seiner Gesamtheit wirklich gewürdigt werden.

Über mehrere Jahrzehnte verfolgt der Leser die Freundschaft der zwei Frauen, minutiös seziert und beobachtet durch die Erzählerin Lenu. In ihrer von häuslicher Gewalt, organisierter Kriminalität und Armut geprägten Umgebung werden die Mädchen von allen Seiten bedrängt und vereinnahmt. Während die hochbegabte Lila in diesem Milieu festgehalten wird und um ihren Platz kämpfen muss, erhält die Erzählerin durch eine höhere Schulbildung die Möglichkeit das Viertel ihrer Kindheit hinter sich zu lassen. Ihre politische und kulturelle Bildung öffnet ihr eine schriftstellerische Laufbahn, was in starkem Kontrast zu Lilas Leben in der Nachbarschaft steht. Durch diese Gegenüberstellung wird die Tetralogie auch zu einem leidenschaftlichen Plädoyer für Bildung, die gerade auch den Frauen des Romans den Weg in die Selbstständigkeit ermöglicht.Gespiegelt in der Geschichte der zwei Frauen wird eine Zeit der Umbrüche und des Wandels für das ganze Land. Die Chronik Italiens nach dem zweiten Weltkrieg zeigt sich in den privaten Auswirkungen, in den Chancen und Hindernissen denen sich Lenu und Lila ausgesetzt sehen.

Der ungeschönte Naturalismus, die komplexe Psychologie und schiere Länge der Romane lassen die beiden Frauen und ihre Beziehung dabei so lebendig und vielschichtig werden wie es der Literatur überhaupt möglich ist. Besonders die Figur der hochbegabten Lila ist schillernd und faszinierend, mal aggressiv, mal überaus empfindsam. Obwohl so genau von Lenu beobachtet und beurteilt, entzieht sie sich jeder Eindeutigkeit. Als Leser sieht man noch weiter als die Erzählerin und ahnt all die Motive und Handlungen hinter den Kulissen ihrer Freundin, die Lenu überhaupt nicht oder falsch interpretiert. Die Wirkung ist eine ganz greifbare, reale Frustration, die Sicherheit, dass man einen anderen Menschen - oder auch einen Charakter in einem Roman - nie ganz kennen kann.
Elena Ferrante hat hier zweifellos eines der wichtigsten und ungewöhnlichsten Werke der letzten Jahre geschaffen.


Nachdem der letzte Band, "The Story of the Last Child", kürzlich auf der Shortlist für den International Man Booker Prize zu finden war, wird es ab September nun auch endlich die längst überfällige deutsche Übersetzung und Veröffentlichung der Tetralogie durch den Suhrkamp Verlag geben. Die Veröffentlichung des ersten Teils, "Meine geniale Freundin", ist für den 12. September geplant.

ISBN: 978-3-518-42553-4, 2016, 22,00 €, 422 Seiten