Minsterium der Träume

Autor: Hengameh Yaghoobifarah
Verlag: Blumenbar

Von: Antonia (Team LiteraturInitiative)

„In Momenten, in denen das Ausmaß uns am schärfsten Schnitt, war unser Zusammenhalt am stärksten.“ – heißt es in dem Debütroman „Ministerium der Träume“ von Hengameh Yaghoobifarah, bekannt als taz-Kolumnistin.

Es geht um zwei Schwestern, Nushin und Nasrin, die als Kinder aus Teheran nach Deutschland immigriert sind. Der Vater bleibt zurück und wird hingerichtet. Die trauernde Mutter verbleibt mit ihren beiden Töchtern in Lübeck. Die Geschwister müssen sich selbst durchschlagen, was ihren emotionalen Zusammenhalt fördert. Viele wichtige Themen werden in diesem Roman beleuchtet wie das Aufwachsen mit dem Trauma der Flucht, Heimatlosigkeit, alltäglicher Rassismus, rechtsextremer Terror und Übergriffe auf Migrant*innen. In der Schule schließen sich die beiden Schwestern mit einer Teenagergruppe zusammen, in der sie Solidarität erfahren und lernen, sich selbst zu verteidigen.
Mittlerweile wohnen die beiden in Berlin und führen ein Leben abseits der Norm. Nushin arbeitet als Sexarbeiterin und Nasrin, schlägt sich als Türsteherin in einer queeren Bar durch.
Nas hält sich nicht an Strukturen oder gesellschaftliche Erwartungen. Sie ist tief in der queeren Szene verwurzelt, in der sie sich angenommen fühlt. Sie nennt sich selbst eine "migrantische Lesbe" und stellt fest: „Knurrenden Lesben gehört das Leben.“
Plötzlich wird ihr Leben aus den Fugen gerissen. Ihre geliebte Schwester ist Tod. Bei einem mysteriösen Autounfall umgekommen. Eine Welt bricht zusammen und eine Neue muss aufgebaut werden. Notgedrungen übernimmt Nasrin die Fürsorge ihrer pubertierende Nichte Parvin, obwohl sie sich dieser Aufgabe nicht wirklich gewachsen fühlt.
Und nicht nur das, es kommen auch Zweifel auf, ob Nushin wirklich bei einem Unfall gestorben ist - War es wirklich ein Unfall? Doch Selbstmord? Oder sogar Mord?

Geschickt werden in dieser Geschichte die ganz persönlichen Probleme der beiden Schwestern mit politischen Entwicklungen verbunden.

Mit Witz und einer Emotionsgewalt werden spannende und wichtige Themen aufgezeigt. Es werden Rassen- und Klassenkonflikte behandelt. Wie in Mithu Sanyals "Identitty" verhandelt Yaghoobifarah auch identitätspolitische Themen.

Toll fand ich, wie Slang und Songtexte gekonnt in den Text eingearbeitet wurde und wie die Spannung durch Sprünge in die Vergangenheit aufrechterhalten wird. Die Selbstironie und Direktheit haben mich immer wieder verdutzt und zum Schmunzeln gebracht. Hengameh hat ein großes sprachliches Talent. Der Erzählton ist oft ruppig und rau, passt jedoch hervorragend zur Protagonistin, die verzweifelt nach Antworten sucht. Toll fand ich die immer wieder aufkommenden abstrakten Träume und wie gezeigt wird, dass man sich in Menschen täuschen kann. Einfach toll, wie hier Konflikte unserer Gesellschaft aufgegriffen werden und zum Nachdenken über Diskriminierung, Zusammenleben verschiedener Nationalitäten, Chancengleichheit und die Rolle der Frau in unserer Gesellschaft angeregt wird.

ISBN ‎ 978-3351050870, 2021, 22 Euro, 384 Seiten.