Mein Schatten ist Pink

Autor: Scott Stuart
Verlag: Coppenrath

Von: Katrin (Team LiteraturInitiative)

„Der Schatten von Papa ist groß und blau, auch der von Opa, das weiß ich genau.
Doch meiner ist anders so komisch es klingt – du glaubst es ja nicht … Mein Schatten ist PINK!“

Mit diesen Worten beginnt das Bilderbuch und stimmt somit bereits auf den ersten Seiten die Leser*innen auf das zentrale Thema ein, sich anders als andere Menschen zu fühlen. Denn der Schatten des Jungen, der als Ich-Erzähler von seinem Alltag erzählt, liebt vielerlei Dinge, die von den Menschen in seinem Umfeld als Vorlieben und Eigenschaften eher Mädchen zugeschrieben werden. So liebt sein pinkfarbener Schatten Ponys, Bücher, Prinzessinnen, Kleider und Tanzen. Sein Vater beobachtet dieses Gefühl seines Sohnes, anders zu sein und sich nicht zugehörig zu fühlen, mit wachsender Sorge, denn der erste Schultag steht vor der Tür und die Kinder sollen in ihrem Lieblings-Outfit zur Schule kommen. Ohne zu zögern, zieht unser Ich-Erzähler ein sonnengelbes Kleid an. Die ängstlichen Blicke seines Vaters, der die Reaktion der neuen Mitschüler*innen fürchtet, bemerkt der Junge, doch ignoriert sie. Und natürlich geht es schief, niemand in der Klasse spricht mit ihm und auch er selbst bekommt kein Wort heraus. Unser Ich-Erzähler flüchtet nach Hause und unter die Bettdecke. Dann klopft es an seiner Zimmertür und der Vater betritt den Raum. Er trägt … ein pinkfarbenes Kleid und macht seinem Sohn Mut, zu seinem auf den ersten Blick ungewöhnlichen Schatten und damit zu sich selbst zu stehen. Nach und nach entdeckt der Ich-Erzähler, dass der Schatten vieler Menschen in seinem Umfeld ungewöhnlich ist, wenn er nur genau hinsieht.

Die Stärke dieses Bilderbuches liegt neben der Handlung und den gelungenen Illustrationen vor allem in der vielschichtigen und dynamisch erzählten Darstellung der Vater-Sohn-Beziehung und der damit verbundenen Auseinandersetzung mit tradierten stereotypen männlichem Rollenbildern.

Was dieses Bilderbuch jedoch so außergewöhnlich macht, sind die Räume für einen Dialog zwischen Kindern untereinander aber auch Kindern und Erwachsenen, die eröffnet werden, um u. a. über das Thema Identität und überholte Geschlechterbilder zu sprechen. Die Motivation des Autoren, eigene Erfahrungen, die sein Sohn mit Geschlechterklischees in der KITA gemacht hat, zu verarbeiten, lässt das Bilderbuch zu keiner Zeit moralisierend oder zu didaktisch werden. Ganz im Gegenteil hält das Lesevergnügen bis zur letzten Buchseite an!

Ich war überrascht, wie schnell und mit welcher Offenheit die Grundschüler*innen in unseren Projekten in den vergangenen Monaten über Altersgrenzen und soziokulturelle Unterschiede in ihrer Herkunft von eigenen Erfahrungen zu diesem Thema in ihrem Alltag berichteten. Mit großer Neugier tauschten sie sich über eigene Vorstellungen aus, welche Verhaltensweisen und persönlichen Vorlieben jeweils typisch für ein Mädchen und einen Jungen seien und ob diese Vorstellungen nicht längst überholt oder doch wenigstens zunehmend in ihren Grenzen zu hinterfragen seien.

Ein Bilderbuch, das sich mit seinem spannenden Thema für die Lektüre im Familienkreis aber auch für Projekte mit Grundschüler*innen ausdrücklich empfiehlt.

ISBN 978-3-649-63996-1, 2021, 15 Euro, 40 Seiten.