Fang den Hasen

Autor: Lana Bastašić
Verlag: S. Fischer

Von: Antonia (Team LiteraturInitiative)

„Es geht nicht um ein Happy End - es geht darum, die Erinnerungen zu bewahren und Verantwortung für sie zu übernehmen“, sagt die bosnische Schriftstellerin Lana Bastašić, in einem Interview über ihren neuen Roman „Fang den Hasen“ - Und genau das gelingt ihr auf eine sprachlich grandiose Art und Weise. Mit ihrem neuen Roman begeben wir uns auf eine Reise in die düstere Vergangenheit (Ex-)Jugoslawiens. Es geht um zwei Freundinnen, eine Reise, einen verschollenen Bruder, ein weißes Kaninchen und Dürer - Ja, man könnte sagen, das sind die Hauptthemen des Buches, aber dahinter steckt noch so viel mehr…

"Wir sind immer in Bosnien", so lautet der wohl zentralste Satz aus dem Roman. Obwohl Sara, die Protagonistin, nach dem Studium als Schriftstellerin nach Dublin gezogen ist und sich dort in einer fremden Kultur und Sprache eingenistet hat, kehrt sie zurück. Nach 12 Jahren erhält sie einen Anruf. Einen Anruf ihrer damaligen besten Freundin, der sie zurück in ihre bosnische Vergangenheit holt. Die beiden Freundinnen, Lejla und Sara gingen zusammen in die Schule, teilten sich Pausenbrote und Schokolade, machten Matura, ließen sich gemeinsam entjungfern und beerdigten einen Hasen. Dann, ganz plötzlich, war Schluss mit der Freundschaft bis zu diesem einen Anruf, bei dem es heißt: Armin lebt und ist in Wien. Armin ist der Bruder Lejlas und heimliche Schwarm Saras. Auf der Suche nach Armin lässt Sara alles zurück, ihren Mann, ihren Avocadobaum, ihren nackten Nachbarn, nur um Lejla zu folgen. In einem weißen Astra fahren sie von Mostar über Jaice, Banja Luka und Zagreb nach Wien.
Der Weg bringt Sara zurück in die Vergangenheit. In Rückblenden erhalten wir Einblicke in die gemeinsame Kindheit und Jugend der Freundinnen. Eine toxische Freundschaft wird beschrieben. Neid, Eifersucht, fehlende Kommunikation, ein ständiges Vergleichen - sind hier nur an erster Stelle zu nennen. Die Freundschaft wird jedoch unterschiedlich wahrgenommen. Sara‘s Wahrheit muss nicht gleich Lejla‘s sein.

Es geht in diesem komplexen Roman noch um so vieles mehr. Es geht um Heimat und Identität, um unterschiedlich gelebte weibliche Sexualität, um Freundschaft und um Generationen, die immer noch von dem Krieg geprägt sind und darum, wie weit Erinnerungen übereinstimmen können. Heimat ist bei der jungen bosnischen Schriftstellerin ein wichtiges Thema, wie auch bei Saša Stanišićs großartigen Roman „Herkunft“.

Schon die erste Seite hat mich in ihren Bann gezogen und gefesselt. Die vielen Metaphern machen das Geschehen bildhaft und zugleich mystisch. Mit einer Einzigartigkeit spielt Bastašić mit den einzelnen Sätzen und den Erzählstrukturen. Mal spricht sie die Lesenden an, mal Leilja. Grandios finde ich, wie sie während des Schreibens das Erinnerungsvermögen selbst infrage stellt und wie sie zwischen der Vergangenheit und Gegenwart changiert.
Nur das Ende hat mich etwas irritiert und nachdenklich zurückgelassen, denn wie geht es weiter? Vielleicht macht aber auch gerade das Ende des Buches diesen Roman zu solch einem tollen Werk. Vielleicht ist auch gerade das Ende der Anfang einer neuen Geschichte - Ach, was für ein tolles Buch! Wahre Kunst! Ich komme aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus, also an alle: Lesenlesenlesen! Sofort!

ISBN: 978-3-10-397032-6, 2021, 22 Euro, 336 Seiten.