Drei Kameradinnen

Autor: Shida Bazyar
Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Von: Antonia (Team LiteraturInitiative)

Ein Buch, ein Feuer, Freundschaft, Leben - umgeben von Alltagsrassismus.

„Jetzt könnt ihr Rudi wieder vergessen, merkt euch nur das unangenehme Gefühl, das er in euch ausgelöst hat, sonst denkt ihr am Ende noch, die Welt sei schön und ihr größtes Problem sei, dass man manchmal mehr für sein Bier bezahlen muss.“ – dieses unangenehme Gefühl, dass sich die Lesenden hier merken sollen, ist ein ständiger Begleiter in dem neuen Roman „Drei Kameradinnen“ von Shida Bazyar, denn ob wir es glauben wollen oder nicht, Deutschland hat ein Rassismusproblem.

Erzählt wird die Geschichte dreier Freundinnen, Kasih, die Ich-Erzählerin, Hani, und Saya. Ihre Eltern sind nach Deutschland eingewandert, als sie selbst noch Kinder waren. Sie wuchsen in der gleichen Siedlung auf und freundeten sich an. Verraten wird nichts über die „ethnischen Gruppierungen“, zu denen sie gehören. Mittlerweile arbeitet Saya in einem anderen Land und die drei sehen sich nur noch selten. Anlässlich einer Hochzeit treffen sie sich wieder und verbringen ein paar Tage zusammen. Aber es sind keine gewöhnlichen Tage. Es sind die Tage, als der NSU-Prozess beginnt, und es kommt zu einem dramatischen Ereignis.

Bazyar setzt alles daran, die Position der Lesenden zu verunsichern, Empathie zu wecken, anzuklagen und aufzuklären. Sie zeigt uns die Innenwelten, Wünsche, Sehnsüchte, Hoffnungen und Ängste der drei Freundinnen und zeigt damit real existierenden Verhältnisse. Bazyar zeigt, wie unterschiedlich mit Diskriminierung umgegangen werden kann und wie unterschiedlich rassistische Äußerungen verarbeitet werden. Sprachlich herausragend und originell erzählt sie von der außergewöhnlichen Freundschaft der drei Kameradinnen. Nahezu spielerisch lässt sie die Figuren dabei lebendig werden und zeichnet ein scharfes der Protagonistinnen, woraus sich eine unbeschreibliche Intensität entwickelt. Präzise und gnadenlos beschreibt sie anhand alltäglicher Ereignisse das in Deutschland herrschende stereotype Denken.

Sie erzählt von strukturellem Rassismus und rechtem Terror, der geradezu natürlich erscheint. Mit ihrer direkten Anrede an die Lesenden offenbart sie typische gedankliche Irrtümer und Verhaltensweisen des Privilegs, weiß zu sein.

Es ist einfach grandios, wie Bazyar die Lesenden mit in ihre Geschichte einbezieht, mit ihrem anklagenden Ton anspricht, ihnen Vorwürfe macht, Fragen stellt und Feststellungen über sie macht. Dabei hinterfragt sie auch noch ihr eigenes Schriftstellerdasein. Einfach grandios!
Dieser Roman ist ein Spiel zwischen Realität und Fiktion, ein einfühlsames, berührendes Wortspektakel, hinter dem soviel Wahrheit, Wut und Frust steckt, dass dieses Buch einfach nur berühren kann. Ich selbst beschäftige mich immer mehr mit dem Thema Rassismus und fand toll, wie Bazyar die unterschiedlichen Gefühle und Umgangsweisen der von Rassismus betroffenen Personen beschrieben hat- ja, und genau das macht dieses Buch auch so beeindruckend. Die beschriebenen unterschiedlichen Wahrnehmungen und die sprachliche Umsetzung dabei sind einfach nur unglaublich.
Auch habe ich gerne gelesen, wie Bazyar über den Verlauf ihrer eignen Geschichte philosophiert, wie sie Sachen vorwegnimmt, ihren eigenen Schreibprozess kommentiert und sich nicht an vorgegebene Rheinfolgen hält, denn sie sagt: „Reihenfolgen sind etwas für Deutschlehrer, damit sie unsere Geschichten zügeln können. Was für Geschichten sollen denn bitte schön entstehen, wenn man sich immerzu an Einleitung-Haupteil-Schluss halten muss.“ – Da kann ich nur zustimmen, begeistert nicken und ihrer unchronologischen Erzählung mit Faszination folgen!

ISBN: 978-3-462-05276-3, 2021, 22 Euro, 352 Seiten.